Annes Blog

Ansprechpartnerin Anne Kochanek

Anne Kochanek ist Produktmanagerin bei uns und von Geburt an blind. Über Interessantes aus ihrem Arbeitsalltag schreibt sie jetzt hin und wieder in ihrem eigenen Blog.

bisher erschienen:


Übersetzen in jeglicher Hinsicht

Seit ca. 18 Jahren arbeite ich im Bereich Produktmanagement bei der Firma Papenmeier Rehatechnik. Aufgrund meines Germanistik/ Anglistikstudiums sowie meiner Begeisterung für unterschiedliche Fremdsprachen (z. B. Englisch, Französisch Spanisch) bin ich für das Übersetzen von Texten aller Art (Prospekte, Handbücher, Briefe etc.) qualifiziert.  Als blinde Kollegin ist es jedoch auch meine Aufgabe, Texte in Braille/Punktschrift zu übertragen.

Jede Übersetzung hat ihre Eigenheiten. So kann man beispielsweise bei einer Übersetzung vom Deutschen ins Englische nicht alles wort-wörtlich übernehmen. Hier darf man manchmal seine Kreatitivät walten lassen und nach passenden Ausdrücken suchen. Auf diese Weise habe ich vor einiger Zeit eine Werbung für hochwertige Braillepunkte übersetzt. Im Deutschen hieß die Überschrift: "fühlbar hochwertige Punkt-Qualität". Im Englischen kam dann dabei heraus: "high dot-quality at your finger tips".

Finger auf Punktschrift

Apropos Fingerspitzengefühl: Bei der Übersetzung von einem gedruckten Text in Brailleschrift ist oft nicht einfach eine eins-zu-eins-Übertragung möglich. Tabellen stellen sich in Braille häufig anders dar als in Print und lesen sich mit den Fingern anders als mit den Augen. Folglich ist es notwendig, beim Formatieren der Braille-Datei darauf zu achten, dass alles ordentlich untereinander steht und der Leser/ die Leserin die Tabelle buchstäblich gut erfassen kann, wenn er/sie das Dokument als Punktschrift-Druck in die Finger bekommt.

Was folgt daraus? Beim Übersetzen in jeglicher Hinsicht kann man sich kreativ ausleben und es kommt keine Langeweile auf. Keine Übersetzung gleicht der anderen. Immer sind es verschiedene Themen mit unterschiedlichen Texten.

Ich war damals noch nicht sehr lange bei Papenmeier, als ich eine Übersetzung für eine andere Abteilung bei uns im Haus vornehmen sollte. Das Thema hieß "Waltzpaltregelung". "Oh", dachte ich, "endlich mal was ganz Neues! Noch nie gehört. Was bedeutet das denn auf Deutsch?" Mehrere Erklärungen und Telefongespräche mit dem zuständigen Produktbereichsleiter folgten, bevor ich loslegen konnte. Im Englischen hieß das Ganze "Roll gap control" und bereicherte mich mit vielen Fachausdrücken und technischen Begriffen. - und das alles im Hochsommer bei schweißtreibenden Temperaturen.

Die Abteilung bei Papenmeier gibt es inzwischen nicht mehr, die Erinnerung an diese interessante Thematik bleibt bestehen.

Anne Kochanek


Lesen mit allen Sinnen

Bücher verbunden mit Kopfhörern

Schon immer bin ich eine Leseratte gewesen. Sehr früh erlernte ich die Braille- Blindenschrift und verschlang sämtliche Bücher, die die Punktschriftbüchereien im Bereich Kinder- und später Jugendliteratur zu bieten hatten.

Hörbücher gab es auch schon, allerdings auf zahlreichen Audiokassetten.

Während meines Anglistik- / Germanistikstudiums waren sie mir, neben Braille-Büchern, eine große Hilfe.

Heute, in meiner Tätigkeit als Produktmanagerin und Kundenberaterin, empfehle ich den Kunden nicht nur ein passendes Daisyabspielgerät für Hörbücher, sondern auch die entsprechende Hörbücherei. Hörbibliotheken gibt es mehrere in Deutschland, beispielsweise die Norddeutsche Blindenhörbücherei in Hamburg (NBH), die Bayerische Blindenhörbücherei in München (BBH), die Westdeutsche Blindenhörbücherei in Münster (WBH) und die Deutsche Zentralbücherei für Blinde in Leipzig (DZB). Darüber hinaus findet man Hörbüchereien z.B. in Marburg, Bonn und Köln.

Möchte man Mitglied in einer Hörbücherei werden, schickt man eine Bescheinigung der Sehbehinderung/Lesebeeinträchtigung zur jeweiligen Bibliothek. Dies kann ein Attest des Arztes/Augenarztes sein oder eine Kopie des Schwerbehindertenausweises. Daraufhin wird man als Hörerin/Hörer registriert, erhält eine Hörernummer und darf sich kostenlos Literatur für die Ohren ausleihen. Die Ausleihe erfolgt entweder über den Katalog auf der Bibliothekswebseite, per Email oder telefonisch. Ist man nicht sicher, welcher Hörbuchtitel es genau sein soll, besteht die Möglichkeit Genres wie Krimis, Belletristik, Kurzgeschichten etc. als Interessengebiet anzugeben.

Ich lese sehr gerne Biografien, aber ebenso gelegentlich mal etwas richtig Spannendes. Auf diese Weise hat mir eine Mitarbeiterin der DZB in Leipzig manch gute Bücher empfohlen. Die Buchtipps habe ich wiederum an Kunden weitergegeben.

Hörbücher können von der entsprechenden Internetseite heruntergeladen und auf SD-Karte bzw. USB-Stick kopiert werden. Auf Wunsch bekommt man eine Daisy-CD mit dem kompletten Hörbuch zugeschickt. Nach Beendigung der Lektüre wird sie einfach an die jeweilige Bücherei zurückgesandt.

Zwar lese ich nach wie vor gerne mit den Fingern, aber auf Hörbücher möchte ich auf keinen Fall verzichten. So setze ich mir im Urlaub einen Kopfhörer auf, lege mich an den Strand und lasse mir, neben Meeresrauschen, ein rauschfreies Hörbuch in die Ohren sprechen. Dazu ein kühler Drink - was kann da noch schiefgehen?

 

Anne Kochanek


Auf den Punkt gebracht - meine Erfahrungen mit der Brailleschrift

Seit meiner Geburt kann ich nicht sehen, aber lesen konnte ich bereits vor meiner Grundschulzeit.  Genau wie manch sehendes Kind war ich wissbegierig und wollte lesen lernen. Mein Vater hatte die gute Idee, Legosteine mit kleinen Nägeln zu bestücken, welche die Braille- Blindenschriftbuchstaben darstellten.

Punktschrift "Ball"

Die Grundform der Brailleschrift besteht aus sechs Punkten. Daher wird sie auch als Punktschrift bezeichnet. Jedes Zeichen setzt sich aus unterschiedlichen Punktkombinationen zusammen. Dazu stelle man sich die Sechs auf einem Würfel vor. Auf der linken Seite sind drei Punkte untereinander, die in der Brailleschrift als Punkte 1,2,3 bezeichnet werden. Auf der rechten Seite liegen, ebenfalls untereinander, die Punkte 4,5,6. Ein kleines A besteht aus einem einzigen Punkt, dem Punkt 1. Möchte man ein kleines B schreiben, so sind dies die Punkte 1,2. Ein kleines L setzt sich aus den Punkten 1,2,3 zusammen. Jetzt kann man bereits das Wort "Ball" schreiben bzw. lesen. Natürlich können auch Großbuchstaben dargestellt werden sowie Zahlen, Satzzeichen, Mathematikschrift, Chemiesymbole oder Musiknotenschrift.

Im Übrigen wurde die Brailleschrift im 19. Jahrhundert von einem als Kind erblindeten Franzosen, Lehrer und Organisten, Louis Braille (1809-1852), erfunden, welchem sie ihren Namen verdankt. 1879 hielt die Blindenschrift in Deutschland Einzug.

Aus meinem Buchstabenspiel mit den Legosteinen wurden schnell erste Texte, dann Kinder- und Jugendbücher. Diese las ich besonders gern nachts unter der Bettdecke. Jedoch las ich nicht nur gern, ich verfasste schon im Grundschulalter Geschichten und Gedichte. Zum Schreiben benutzte ich eine Braille-Schreibmaschine. Mit den sechs Tasten und der Leertaste schrieb ich alles auf, was mir in meinem Kinderkopf herumspukte. Lesen konnte ich das Geschriebene sofort auf festem Braille-papier, was ich zuvor in die Maschine eingespannt hatte.

Die Leidenschaft des Lesens und des Schreibens ist bis heute geblieben, allerdings bediene ich mich nun elektronischer Hilfsmittel wie Computer, Smartphone und Braille-Notizgerät. So lässt sich das Smartphone mit einem kleinen Braille-Notizgerät koppeln. Alles, was ich schreibe, wie Emails, Whatsapps, Texte jeglicher Art etc. wird mit den Braille-Tasten des Notizgerätes geschrieben und im Smartphone abgespeichert. Auf der kleinen Braillezeile des Notizgerätes kann ich das Geschriebene lesen. Per USB oder Bluetooth verbindet man, genau wie beim Smartphone, ein Braille-Notizgerät mit PC oder Laptop.

Die sechs grundlegenden Braille-Punkte haben im sogenannten Computerbraille zwei Punkte hinzugewonnen, nämlich die Punkte 7 und 8. Punkt 7 wird zum Verwenden von Großbuchstaben, Punkt 8 zum Darstellen von Umlauten verwendet. Braucht man für das Ankündigen von Zahlen in 6-Punkt-Braille ein spezielles Zahlenzeichen, so ist dies in Computerbraille durch den zusätzlichen Punkt 7 nicht mehr notwendig.

Ebenfalls ist es mir möglich, auf einer regulären PC-Tastatur zu schreiben und das Geschriebene auf einer Braillezeile zu lesen. Die Braillezeile befindet sich vor der Tastatur des PCs und bildet ab, was ein sehender Anwender auf dem Bildschirm erhält.

Während es für mich als geburtsblinde Person völlig normal und leicht war, Braille lesen und schreiben zu lernen, fällt es spät erblindeten Menschen oft viel schwerer, vom Visuellen aufs Taktile umzusteigen. In meiner Arbeit als Kundenberaterin treffe ich auf viele Personen, die im Alter erblinden und Punktschrift nur mühsam oder gar nicht mehr lernen. Mit Hilfe von Sprachausgabe sowie digitaler Hörmedien können sie auf Literatur zugreifen. Dennoch würde ich niemandem abraten, die Brailleschrift zu lernen, zumindest einfache Grundlagen, sofern ein gewisser Tastsinn vorhanden ist. Auf diese Weise kann man zum Beispiel die Punktschrift auf Medikamentenpackungen lesen oder bei Bedarf selbst etwas beschriften. Ebenso erachte ich es als wichtig, selbst lesen zu können, ohne ausschließlich auf auditive Informationen angewiesen zu sein.

Relief-Braille-Kalender

Kinder lernen die Punktschrift meistens in einer Förderschule für Sehbehinderte oder, beim Besuch einer Regel-Grundschule, mit Hilfe von Betreuungs- bzw. Inklusionslehrern. Zur Förderung des Tastsinns gibt es bei verschiedenen Blindenbüchereien, wie beispielsweise der deutschen Zentralbücherei für Blinde zu Leipzig (DZB), sehr schön gestaltete Relief-Kinderbücher.

Für spät erblindete Erwachsene werden ebenfalls Kurse und entsprechendes Material zum Erlernen der Brailleschrift angeboten. Einige bekannte Blinden-Einrichtungen sind die DZB in Leipzig, die Blindenstudienanstalt (Blista) Marburg oder der Bayerische Blindenbund in München.

Ebenso gibt es Kurse und Computerprogramme für Sehende, die sich für Braille interessieren und sich mit der Punktschrift befassen möchten, um zum Beispiel blinde Menschen zu unterstützen, zu beraten oder zu schulen.

Ein Leben ohne Brailleschrift kann ich mir nicht vorstellen, sei es im beruflichen oder im privaten Bereich. Beim Erlernen von Fremdsprachen finde ich es wichtig zu wissen, wie Wörter im Englischen, Französischen oder Spanischen geschrieben werden. Bei meiner Tätigkeit, Dokumente für die Firma zu übersetzen, muss ich auf der Braillezeile kontrollieren, was ich übersetzt habe.

Ich singe in einer Band und in einem Chor. Das Auswendig Lernen von Songs geht mir, im wahrsten Sinne des Wortes, schneller von der Hand, wenn ich die Texte in Braille ausgedruckt vor mir habe, als sie nur übers Hören einzustudieren.

Viele Beispiele dieser Art lassen sich aufzählen und ich denke, es ist bei mir ähnlich wie bei einer sehenden Person, die auf einen Bildschirm, ein Display oder auf altbewährte Zettel nicht verzichten möchte.

 

Anne Kochanek


Die gute, alte Handschrift

Detailblick: Unterschrift setzen

Das mit der Handschrift ist so eine Sache. Sie ist schön und gut, und natürlich sind individuelle Handschriften etwas ganz Originelles.

Mit zunehmender Digitalisierung werden die handgeschriebenen Dokumente weniger. "Schade", mag so manche Person denken. Als von Geburt an blinder Mensch muss ich allerdings dazu sagen: "Toll!" und "Praktisch!"

Schon als Kind schrieb ich gerne Briefe: In Brailleschrift, später auf der Schreibmaschine und schließlich auf dem Computer. Dadurch konnten meine sehenden Verwandten/Freunde direkt lesen, was ich geschrieben hatte, ohne dass jemand meine Briefe zuvor von Braille in Schwarzschrift übersetzen musste. Von dieser Seite her wurde die Korrespondenz einfacher. Jedoch war das nicht der Fall, wenn ich Briefe in Handschrift erhielt. Druckschriftliche Post konnte ich später auf einen Scanner legen und sie mir so in Braille oder Sprache zugänglich machen. Mit Handschriften war das nicht möglich. Ich brauchte eine vorlesende Person, und das war mir manchmal nicht wirklich angenehm, besonders, wenn es Briefe waren, die eigentlich nur mich etwas angingen.

Als ich in den neunziger Jahren während meines Studiums die ersten Emails schreiben und empfangen konnte, war das eine enorme Erleichterung. Heute führe ich zahlreiche Email-Korrespondenzen, sei es mit Kunden, Verwandten oder Freunden. Als später zusätzlich SMS und WhatsApp ins Spiel kamen, wurden die Kommunikationsmöglichkeiten noch besser, vielseitiger und schneller. Am schönsten für mich war, dass ich nun alles selbst erledigen konnte/kann.

Beispielsweise schreibe ich meinen Freunden aus dem Urlaub eine WhatsApp oder schicke ihnen eine Sprachnachricht mit Wellenrauschen, Vogelgezwitscher … Ähnliches erhalte ich oft von meinen Freunden, wenn sie unterwegs sind. Natürlich gibt es weiterhin Liebhaber von klassischen Postkarten. Diese sind für mich nicht wirklich der Hit. Ich kann sie nicht selbst lesen und muss jemanden bitten, sie für mich zu schreiben. Als Schülerin diktierte ich meinen Eltern reihenweise Karten, die ich aus dem Urlaub an meine Freunde schreiben wollte, so, wie es jeder andere auch tat. Ähnlich verhielt es sich mit Weihnachts- Oster- oder Geburtstagskarten. Heute kann ich Ecards verschicken, lustige WhatsApp-Nachrichten schreiben oder sprechen und sogar jemandem zum Geburtstag ein gesungenes oder auf dem Saxophon gespieltes Ständchen schicken.

Ich unternahm auch den Versuch, ein bisschen Handschrift zu erlernen, jedoch fiel mir dies sehr schwer. Druckbuchstaben kann ich, wenn sie taktil dargestellt sind, wie auf Tafeln, Grabsteinen etc. lesen und ebenso schreiben. Schreibschrift jedoch bereitet mir Mühe. So übte ich als Schülerin intensiv an meiner Unterschrift. Meinen Vornamen "Anne" lernte ich schnell. Mit meinem Mädchennamen "Köchling" war es schwieriger. Manchmal gelang es mir, den Nachnamen leserlich zu schreiben. Meistens bekam ich als Rückmeldung "Nee, kann man nicht lesen". Wütend knallte ich dann den Stift auf den Tisch.

Meine Tante, die Grundschullehrerin war, verfiel auf eine gute Idee. Sie erklärte meinen Eltern: "Warum so kompliziert? Anne muss eine für sie originelle Unterschrift leisten. Da geht es nicht um Schönheit oder Lesbarkeit, sondern einfach um ihre individuelle Unterschrift. Wir vereinfachen das Ganze." Gesagt, getan. Sie zeigte mir eine wesentlich unkompliziertere Methode zu unterschreiben.

Als ich heiratete, änderte sich mein Nachname von "Köchling" in "Kochanek". Auch hier hatten meine Tante und ich eine einfache Form des Unterschreibens geübt. Auf dem Standesamt musste ich zuerst mit meinem Mädchennamen, also "Köchling", anschließend mit meinem neuen Nachnamen "Kochanek" unterschreiben. Als alles schon erledigt war, fiel mir ein, dass ich die "ö"-Pünktchen auf dem "Ö" von "Köchling" vergessen hatte, was ich sofort artikulierte. "Die muss ich aber noch einmal setzen, bevor ich sie endgültig abgebe!" rief ich und alle lachten.

Nach wie vor brauche ich Hilfe, wenn es darum geht, Formulare auszufüllen, so ich es nicht selbst am Computer erledigen kann. Ebenfalls brauche ich jemanden, der mir zeigt, wo ich ein Dokument unterschreiben muss und dazu meinen Finger an die richtige Stelle legt.

Insgesamt ist die heutige Technik jedoch für mich ein Segen, da sie mir einen weitestgehend selbstständigen Schriftverkehr/Kommunikationsaustausch ermöglicht.


Wie frei ist barrierefrei?

Bücher neben Laptop

In einem früheren Artikel meines Blogs habe ich über die Braille- Blindenschrift berichtet, welche für mich als nicht-sehende Person, eine extrem wichtige Rolle spielt.

Nachdem der blinde Franzose Louis Braille im 19. Jahrhundert die nach ihm benannte Blindenschrift erfunden hatte, wurde die Zugänglichkeit von Dokumenten für blinde Menschen wesentlich erhöht. Immer noch aber gab es zahlreiche Barrieren. So mussten Dokumente quasi von Hand in Brailleschrift übertragen werden, mittels einer Schreibtafel zu Anfang, später mit Hilfe von Punktschriftmaschinen.

Während meiner Schulzeit ab der 5. Klasse auf einem Regelgymnasium war vieles in Bezug auf Unterrichtsmaterialien nicht einfach. Es gab Lehrbücher in Braille, jedoch längst nicht alle. Das Mathematikbuch beispielsweise gab es nur bis zur 9. Klasse in Punktschrift. In der zehnten Klasse hatte ich buchstäblich keins. Jemand musste mir die Aufgaben diktieren oder sie mir in Brailleschrift aufschreiben. Das war zuweilen sehr mühsam, gerade, wenn die Aufgaben lang und komplex waren.

Ab der 11. Klasse wurde es dank eines Scanners etwas einfacher. Mit Hilfe meines damaligen Freundes (jetzigen Ehemannes ;-)) konnte das Mathebuch eingescannt und für mich in Brailleschrift ausgedruckt werden, denn ein Punktschriftdrucker kam hinzu. Dadurch wurde es ebenfalls in anderen Fächern sowie im Privatbereich leichter. Bekam ich einen Brief in Druckschrift, konnte ich ihn einscannen und mit moderner Hilfsmitteltechnik (Laptop mit Sprachausgabe, Braillezeile / Brailledrucker) selbst lesen. Auch Bücher, die es nicht in Braille gab, wurden mit dem Scanner umgesetzt und dadurch für mich zugänglich.

Später sorgten Emails, SMS und WhatsApps für weitere Erleichterung. Für viele Dokumente brauche ich heute noch nicht mal einen Scanner. Eine iPhone-App ermöglicht es mir, den Text zu fotografieren und ihn mir mit VoiceOver, der Sprachausgabe im iPhone, vorlesen zu lassen.

Leider sind bei weitem nicht alle Dokumente barrierefrei, obwohl dafür plädiert und geworben wird.

Neulich erhielt ich eine Geburtstagseinladung als Anhang einer Mail. Die Einladung war eine eingescannte Postkarte, auf der Ort und Zeit der Feier standen, sowie einige Worte zum runden Geburtstag des Einladenden. Diese Informationen erhielt ich, nachdem man sie mir vorgelesen hatte.

Eingescannte Bilder mit Text stellen ein Problem dar. Zwar gibt es eine sogenannte OCR-Software, mit der sich solche Texte besser in Sprache/Braille umwandeln lassen, jedoch tauchen hier häufig Fehler bei der Texterkennung auf.

Gut aufbereitete PDF-Dateien, vor allem jedoch Word- oder Txt-Dokumente, kann ich mir problemlos zugänglich machen. Ein Appell an alle, die Dokumente erstellen, wäre, bitte darauf zu achten, dass sie barrierefrei erstellt werden. Bei Fragen/Unsicherheiten, nach dem Motto: "Wie mache ich ein Dokument barrierefrei? Was ist zu berücksichtigen?" oder: "Wie ist eine Internetseite am besten auch für Menschen mit Handicap lesbar?" kann man sich gerne bei der Firma Papenmeier melden, da hier Barrierefreiheitsberatung durchgeführt wird.

Im Lesen von diversen Dokumenten bin ich "schmerzfrei", will sagen: Ich musste, vor allem während meiner Zeit als Germanistik- / Anglistik-Studentin zahlreiche Taschenbücher lesen, deren eingescanntes Resultat oft nicht wirklich erbaulich war. Dennoch habe ich das Studium geschafft! In der heutigen Zeit mit moderner Technik finde ich, wäre es mit ein bisschen Mitdenken durchaus möglich, vieles zugänglich zu machen, wenn man ein wenig drauf achtet. Befinden sich z.B. auf einer Internetseite Grafiken/Bilder, können diese mit wenigen Sätzen/einer Bildüberschrift versehen werden. Gleiches gilt für Handouts und Prospekte.

Vergleiche ich die Situation barrierefreier Dokumente wie sie, dem technischen Fortschritt sei Dank, heute ist, mit der Situation meiner Schulzeit, sind Welten dazwischen.
Ein Buch war früher als Braille bzw. Hörbuch verfügbar oder oft eben nicht. Es musste mir vorgelesen und auf Kassette gesprochen werden. Später in der Oberstufe und im Studium waren Scanner und Brailledrucker ein enormer Fortschritt. Möchte ich heute ein Buch lesen, gerne mal in einer anderen Sprache wie Englisch, Französisch oder Spanisch, lade ich mir das entsprechende Ebook herunter und lese es mit Hilfe meines iPhones/iPads oder Laptops in Verbindung mit meiner mobilen Braillezeile. Wahlweise kann ich das meist verfügbare Hörbuch genießen. Manchmal denke ich: "Hätte ich doch seinerzeit schon diese Technik gehabt." Andererseits ist es spannend, die Entwicklung mitzuverfolgen, welche sich in all den Jahren vollzogen hat, und die sich hoffentlich immer barrierefreier weiterentwickelt.


Hilf mir es selbst zu tun

italienische Gedenkbriefmarke Maria Montessori

Maria Montessori (1870-1952), die berühmte Pädagogin und Gründerin der nach ihr benannten Montessori-Schulen, tat einst diesen weisen Ausspruch.

Was aber, wenn man in bestimmten Bereichen aufgrund einer Beeinträchtigung wie beispielsweise einer Sehbehinderung, gewisse Dinge nicht allein tun kann?

Nehmen wir als tägliches Beispiel den Computer. Jeder hat mittlerweile einen in Besitz, sei es in Form eines Desk- oder Laptops. Zudem gehören Smartphones und Tablets zum täglichen Gebrauch. Alle diese Geräte bedient ein sehender Mensch über einen Bildschirm bzw. Touchscreen. Eine stark sehbehinderte oder, wie in meinem Fall blinde Person bedient sich eines sogenannten Screenreaders. Eine Sprachausgabe liest mir die Informationen auf dem Monitor oder des Touchscreens vor. Mit bestimmten Befehlen und Gesten ist es mir möglich, einen PC oder ein Smartphone/Tablet zu steuern und den Informationen der Sprachausgabe zu folgen.

Habe ich per USB oder Bluetooth eine Braillezeile an meinen PC/Laptop, mein Smartphone oder Tablet angeschlossen, so kann ich mir die Informationen auch in Punktschrift anzeigen lassen. Dadurch kann ich gut nachvollziehen, wie bestimmte Wörter geschrieben werden, was z.B. für Fremdsprachen sehr vorteilhaft ist.

Jedoch sind Hilfsmittel für mich nicht nur im IT-Bereich entscheidend.

Nehmen wir an, ich stehe in der Küche und möchte etwas abwiegen. Eine "normale" Küchenwaage besitzt eine Anzeige, auf der ein sehender Mensch genau feststellt, wieviel er gerade abwiegt. Dies teilt mir eine sympathische Stimme mit französischem Akzent mit: "swei-undert-siepsisch Gramm". Es gibt auch sprechende Waagen mit österreichischem Dialekt, wenn man das lieber möchte. Mittlerweile wiegt mein sehender Mann alles mit meiner sprechenden Waage ab, die keine optische Anzeige besitzt.

Mit Hilfe eines sprechenden Thermometers lasse ich mir die Innen- und Außentemperatur ansagen. Den sprechenden Wecker hat inzwischen mein iPhone ersetzt.

Icon Greta App

Viele Apps dienen mir täglich als Hilfsmittel. Bin ich im Kino, nehme ich "Greta"(für Iphone/ für Android) mit. Dank dieser App erhalte ich zu einem Film die entsprechende Bildbeschreibung (Audiodeskription), welche über Kopfhörer in meine Ohren kommt. So kann ich dem Film problemlos folgen, ohne dass ich auf die zugeflüsterte Beschreibung anderer Kinobesucher angewiesen bin. Für gehörlose Menschen gibt es über diese App die Möglichkeit, Untertitel angezeigt zu bekommen.

Icon Seeing AI App

Eine weitere hilfreiche App für Blinde ist "Seeing AI". Die Kamera im Smartphone halte ich über ein gedrucktes Dokument und kann mir dessen Inhalt vorlesen lassen. Schickt mir jemand per Whatsapp ein Foto, erkennt "Seeing AI", was sich auf dem Foto befindet und liefert mir die Informationen per Sprache.

Auch die gute "Alexa" von Amazon bewährt sich in meinem Alltag immer mehr. Wenn ich beim Fitnesstraining auf dem Crosstrainer Musik abspielen möchte, muss ich nicht länger am Smartphone herumsuchen, bis ich passende Musik gefunden habe. Ich sage einfach: "Alexa, spiele Hits der 80iger" und schon geht's los.

Der heutigen Technik ist es zu verdanken, dass ich in vielen Bereichen, sei es im Arbeits- oder Privatleben Hilfe bekomme, die ich früher auf andere, umständlichere Weise erhielt, meistens durch eine "Hilfs-Person".

Liebe, hilfreiche Menschen sind keinesfalls durch Technik zu ersetzen und es gibt immer wieder Situationen, in denen ich auf Hilfe anderer Personen angewiesen bin, was für Sehende aber ebenfalls zutrifft.

Hilfsmittel bieten mir jedoch ein großes Stück Unabhängigkeit.

 

Anne Kochanek